mid-Kommentar: Der Anfang vom Ende des Autos
Beim Abstieg vom umwölkten Diesel-Gipfel in die Niederungen des automobilen Alltags wird deutlich, was bisher verborgen war: In der Schlammschlacht zwischen sogenannten Umweltorganisationen, im Wahlkampf rotierenden Politikern und einer demütig wirkenden, aber mit geballten Fäusten in den Hosentaschen am Verhandlungstisch sitzenden Industrie und ihren Lobbyisten wird deutlich, dass es nicht um das hehre Ziel einer sauberen Diesel-Technik und der Vermeidung gesundheitlicher Schäden bei den Bewohnern bestimmter Stadtviertel der Straßenzüge geht. Am Pranger stehen der Diesel und seine Verteidiger. Gemeint aber ist das Auto an sich. Ein Kommentar von Wolfgang Peters.
Und so könnte finster-visionär die Zukunft des Individual-Verkehrs auf den Straßen aussehen: Das Ziel ist das Ende der Freiheit des individuellen Fahrens. Gefördert wird künftig der kollektive Transport der Masse Mensch. "Gemeinsames Erleben" der Mobilität wird als verharmlosendes Schlagwort eingeführt. Die Freiheit aufzubrechen, "wann ich will", wird abgelöst von den Vorgaben der Rechnerprogramme im Dienst einer angeblichen Verbesserung der Verkehrsverhältnisse.
Nun droht nicht weniger als das Ende dieser freiheitlichen Mobilitätsgesellschaft, denn am Horizont erheben sich bereits neue Ziele, die von den Gegnern der Autogemeinde frohlockend angepeilt werden: Nach der Attacke gegen den Diesel wird schon die Propaganda-Maschine für die Einführung eines generellen Tempolimits auf den deutschen Autobahnen angeworfen. Dann folgt unausweichlich die Stigmatisierung des Benzinmotors, auch hier werden sich Gründe aus dem Fundus der Gesundheits- und Umweltgefährdung finden lassen. Und als Zwischenschritt auf dem Weg zum sogenannten "emissionsfreien Auto" wartet das Verbot von Hochleistungs-Fahrzeugen, deren mögliches Tempo allein schon etlichen Eiferern hierfür die Voraussetzungen liefert.
Selbst das individuell zu bewegende Elektroauto wird nur vorübergehend für eine Entspannung sorgen. Denn mit seiner massenhaften Verbreitung – die aber noch lange auf sich warten lässt – treten bald neue Probleme auf, die in der Stromversorgung, dem Verwerten riesiger, ausgelaugter Batteriemengen, den Sicherheitsaspekten beim E-Auto-Crash, und in den gigantischen Investitionen für die Lade-Infrastruktur wurzeln. Gleichzeitig werden Car-Sharing-Projekte bejubelt und vergleichsweise kleine Erhöhungen der Nutzerzahlen wie Siege gefeiert. Quasi als Gegenpart zur Auto-Lobby hat sich eine Un-Kultur der Autogegner entwickelt, die unter dem Mäntelchen der Sorge um die Umwelt ihren Geschäftsmodellen zur angeblichen Hilfe für Natur und Mensch nachgeht.
Zum Diesel-Gipfel waren aus guten Gründen einer sachlichen Annäherung – und nur um diese kann es gehen – die Umweltverbände und ihre provozierenden Gallionsfiguren gar nicht geladen. Sie traten dennoch natürlich, was ihr gutes Recht ist, massiv auf. Freilich nicht mit neuen, weiter führenden Argumenten oder Erkenntnissen. Konfrontation ist gefragt, persönlich eingepreiste Beleidigungen für Gipfel-Teilnehmer inklusive, geschürt wurden Ängste bei den Verbrauchern – "Oh mein Gott, nicht mehr mit dem Diesel in die Stadt!" – und angefacht von Schlagworten wie "Diesel tötet!" wird Unsicherheit gesät und Auto-Ablehnung geerntet.
Mit dem Update der Steuerungsprogramme in modernen und doch schon wieder veralteten Dieselmotoren wird zum Heftpflaster auf den Wunden dieser Technik gegriffen. Das ist Aktionismus aus dem Plastikkasten mit dem Sanitätskreuz auf dem Deckel. Jeder weiß, dass draußen im Alltag jeder Motor zwar seiner Programmierung folgt, aber da sitzt dann doch der Faktor Mensch mit dem Lenkrad in der Hand und dem Fuß auf dem Gaspedal im Fahrzeug. Wobei es an der Zeit wäre, sehr unangenehme Fragen zu stellen: Was taugen diese Stickoxid-Grenzwerte denn wirklich, wenn sie im Büro zigmal höher sind, als direkt im Straßenverkehr? Und wer wählt die Standorte der Messgeräte aus? Wie häufig wird nicht mehr über die Gründe der Debatte gestritten, sondern nur noch darüber, welche politischen Ziele sich damit erreichen ließen. Dabei kann es nur um eins gehen: Das Auto muss gerettet werden.
Wolfgang Peters / mid
(dpa)