«Kölner Keller» – Wichtiger Ort im deutschen Profifußball

Köln – Ansgar Schwenken bezeichnet einen der wichtigsten Arbeitsplätze des deutschen Profifußballs – fast ein wenig despektierlich – als «Kölner Keller». In der Tat: Es ist ein Raum im Untergeschoss des Cologne Broadcasting Centers am Rheinufer im Stadtteil Deutz.

Aber Schwenken, Direktor für Fußball-Angelegenheiten und Fans der Deutschen Fußball Liga, kennt auch die korrekte Bezeichnung des fensterlosen Areals: «Video Assist Center.» Und bittet höflich darum, diesen Terminus zu verwenden.

Woche für Woche gibt es bei Fans und Vereinen Diskussionen um die Zusammenarbeit zwischen jenem VAC und den Schiedsrichtern in den Stadien. Am vergangenen Wochenende zum Beispiel beim entscheidenden Strafstoß für Eintracht Frankfurt beim FC Schalke in der neunten Minute der Nachspielzeit.

Was in Deutz geschieht, ist eindrucksvoll. An sechs Arbeitsstationen können ein Video-Assistent, ein weiterer Assistent und zwei Operatoren verfolgen, was sich auf dem Rasen der Bundesliga-Stadien tut. Dort sind 19 bis 21 Kameras im Einsatz, die alles einfangen, vom kleinsten Foul bis zum klaren Elfmeter. Und es gibt auch ein Technik-Tool, das bei Zweifelsfällen immer bedeutender wird: die kalibrierte Abseitslinie.

Bildschirme, Kabel, Mikrofone – das Sammelsurium an Hightech ist immens. 300 Bilder pro Sekunde können geliefert werden, Frame für Frame kann geprüft werden, es wird vor- und zurückgespult, wenn sich der Video-Assistent zum Eingreifen entschließt. Diese Fälle sind klar definiert: bei einem Tor (Foul, Handspiel, Abseits und andere Regelwidrigkeiten), bei einem Elfmeter (nicht oder falsch geahndete Vergehen), bei einer Roten Karte (nicht oder falsch geahndete Vergehen) und bei Verwechslung eines Spielers (bei Roter, Gelb-Roter oder Gelber Karte).

Eines ist vorausgesetzt: Der intensiv geschulte Video-Assistent greift ein, wenn seiner Meinung nach eine klare und offensichtliche Fehlentscheidung des Schiedsrichters auf dem Platz vorliegt. «Das wird eigentlich jede Woche trainiert», sagte Jochen Drees, fachlicher Projektleiter für den Bereich Video-Assistent beim Deutschen Fußball-Bund.

Drees sagt aber auch deutlich: «Die Entscheidung kann nur der Schiedsrichter auf dem Platz treffen.» Deswegen heißt der Keller-Mann auch Video-Assistent und nicht Video-Schiedsrichter. Die Kommunikation zwischen den Kölnern und dem Unparteiischen im Stadion läuft über Funkkontakt. Das Gerät eines Wuppertaler Herstellers heißt Bolero S und blendet nahezu jedes Hintergrundgeräusch aus. Wenn Kommunikationsbedarf besteht, können sowohl der Video-Assistent als auch der Platz-Schiedsrichter aktiv werden.

Dann geht es los, wie jüngst beim Spiel zwischen Hannover und Schalke. Die Kölner sitzen – offensichtlich entspannt und unaufgeregt – auf ihren Bürostühlen mit Kopfstütze. «Viel Erfolg» lautet der gegenseitige Wunsch vor dem Anpfiff. Fast jede Aktion wird kommentiert: «Passt. Das hat er gut gesehen», ist vom Assistenten zu vernehmen. Oder auch die Aufforderung an den Operator, der die Kameraeinstellung bedient: «Geh‘ du in den Strafraum.» Oder: «Geh‘ du auf den Uth» – damit ist der Schalker Mark Uth gemeint, der sich in den Strafraum bewegt. Man antizipiert alles, was wichtig sein könnte. Und dann konstatiert «Deutz 1», wie sich die Männer im Kölner Keller nennen: «Alles okay.»

Teilweise sind die Dialoge witzig. «Der Nobby guckt schwer in die Sonne», stellt einer der Kölner fest, weil Norbert Grudzinski als Schiedsrichter-Assistent im Stadion mit den Lichtverhältnissen zu kämpfen hat. Den Video-Assistenten in Köln stört so etwas überhaupt nicht: Er sitzt fast im Dunkeln und hat generell viel weniger Anspannung als Haupt-Referee Sven Jablonski im Stadion. «Der Video-Assistent kann eigentlich in aller Ruhe arbeiten», bemerkt Tobias Welz in seiner Rolle als der Zuständige im VAC.

Was DFL und DFB äußerst wichtig ist: die größtmögliche Transparenz für die Stadionbesucher, wenn es zum Eingreifen des Video-Assistenten kommt, auch mit klaren grafischen Botschaften. Und mit der gebotenen Geschwindigkeit. Dazu stellen Schwenken und Drees mit berechtigtem Stolz fest: Die durchschnittliche Zeit der Entscheidungsfindung beträgt aktuell 57 Sekunden.


(dpa)

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