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Eine ungewöhnliche Tauschbörse macht Schule

19. Oktober 2018 • Familie & Freizeit

Duisburg – Rückwärts zählen von zehn bis eins? Eine harte Nuss für die kleine Mona: nicht zu schaffen. Im sozialen Brennpunktviertel Duisburg-Marxloh ist die Erstklässlerin neu in einem besonderen Projekt.

Mietfrei wohnen als Bildungspate

Ihr gegenüber sitzt Michelle Adam, Bildungspatin der Sechsjährigen. «Welche Zahl ist größer: die Fünf oder die Drei?», fragt Adam. «Die Drei!», antwortet Mona. Auch in den anderen Zimmern der «TauschBar» wird an diesem Tag in Kleinstgruppen fleißig geübt.

Die Bildungspaten betreuen ihre Schützlinge mindestens ein Jahr lang intensiv – und wohnen dafür mietfrei. Für die bundesweit einmalige Idee
«Tausche Bildung für Wohnen» gab es den
«Deutschen Nachbarschaftspreis» 2018.

Bildungspatin Adam kam nach dem Abi aus dem niedersächsischen Oldenburg nach Duisburg. Sie wohnt in einer möblierten WG des Projekts. Ihre Arbeit mit Kindern aus bildungsschwachen Familien findet vor allem in der «TauschBar» statt – einer großen Wohnung, die im Viertel auch «Stadtteilkinderzimmer» genannt wird. Standortleiterin Anna-Sophia Hippke erläutert: «Wir geben den Kindern ein vertrautes Umfeld und einen Raum, wo sie in Ruhe lernen können.

Lernen in einem ruhigen Umfeld

Die meisten der Kinder haben viele Geschwister, da ist es laut. Sie haben Zuhause kein Zimmer zum Lernen und oft auch keinen Schreibtisch.» Das Konzept sei eine Win-Win-Situation für beide Seiten, sagt Hippke: «Man bekommt ein Zimmer – und für die Kinder wird etwas Sinnvolles getan.»

Die Bildungspaten gehen vormittags in die Schulen, unterstützen die Lehrer und lernen Stärken und Schwächen der einzelnen Kinder gut kennen, die sie am Nachmittag dann in kleinen Gruppen fördern. Die Jungen und Mädchen kommen aus verschiedenen Schulen, Hauptpartner sind eine Grund- und eine Gesamtschule ganz in der Nähe. Ein festangestelltes Projektteam sorgt für die Organisation und die Schulung der Paten vor deren Einsatz.

Unterschiedliche Bedürfnisse

Die Bedürfnisse der Kinder unterscheiden sich teilweise – ebenso das Lerntempo oder das geeignete Programm. So erzählt der zehnjährige Ismail munter von seinem Berufswunsch: Er mag Mathe, will Polizist werden. Zeidan (13) wirkt dagegen verschlossen, einen Steckbrief zu seiner Person hat er nicht ausgefüllt. An Lernen ist noch nicht zu denken. Das Rezept: Erst mal eine lockere Runde «Uno» im «Wohnzimmer» mit allen Kindern. Beim Kartenspiel wird gelacht, gekichert. Auch Zeidan öffnet sich.

«Mir ist wichtig, dass die Kinder ihre Lücken füllen können, dass wir sie so gezielt fördern, dass sie in der Schule weiterkommen und einen Abschluss schaffen», beschreibt Adam das Ziel. Die Kinder sollen zudem soziale Kompetenzen erlernen, Selbstvertrauen entwickeln und ermutigt werden, positive Beziehungen aufzubauen. «Wir schauen, wie gut die Kinder Deutsch können, wie es mit ihrer Schreibfähigkeit aussieht, aber auch welche Interessen sie mitbringen, welchen familiären Background sie haben.»

Im Marxloh haben mehr als 50 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund. Das zeigt sich auch im Projekt. Kinder aus der Türkei, aus Syrien, Afghanistan oder aus dem Libanon sind dabei. Die Jungen und Mädchen heißen Albina, Amin, Iwan, Ali, Mustafa, Shala, Islam, Azrin, Ismail oder Kaan. Manche müssen Grundregeln erlernen: pünktlich sein, anklopfen, niemanden auslachen. Auch müsse konsequent Deutsch gesprochen werden.

Andere Städte ziehen nach

Die Lernförderung, 2014 zunächst mit einer Pilotphase gestartet, zeige Wirkung, sagt Hippke: «Die Schüler machen Fortschritte. Das spiegeln uns auch die Lehrer, die die Kinder auswählen und uns Tipps und Rückmeldung geben.» Das spricht sich herum: Das Projekt «Tausche Bildung für Wohnen» wächst. Im Dezember soll es auch in Gelsenkirchen starten. In Dortmund wird ein Start 2019 angepeilt. Zahlen müssen bedürftige Familien für die Teilnahme nichts. Die Mitarbeiter rufen Mittel aus dem Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes für bedürftige Kinder ab.

Neben den Paten sind auch andere Akteure und Unterstützer im Boot. Die benötigten Wohnungen wurden gespendet. Mehrere Stiftungen und Sponsoren helfen finanziell. Die «TauschBar» mit Garten hat die Kirche dem Duisburger Projekt überlassen.

Die Vollzeitpaten sind meist Studenten, Azubis oder junge Leute, die sich – wie Bildungspatin Adam – im Bundesfreiwilligendienst engagieren. Sie erhalten ein Taschengeld. Und es gibt freiwillige Helfer, die sich stundenweise um Flüchtlingskinder kümmern, die noch nicht in die Schule gehen. Wichtig sei zudem, dass die Eltern mitmachten, sagt Hippke: «Und der Stadtteil insgesamt soll profitieren.»

Fotocredits: Ina Fassbender
(dpa)

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